Ein älterer Herr mit Ärmelschonern und Nickelbrille an einem Tisch voller staubiger Akten – dieses Bild kommt sicher vielen Menschen beim Thema „Stadtarchiv“ in den Sinn. Aber das stimmt mitnichten: wer Christine Kohl-Langer, der Chefin des kleinen, aber engagierten Teams in der Maximilianstraße begegnet, erlebt eine lebendige und offene Leiterin, die ihr ständig wachsendes Archiv nicht nur „im Griff“ hat, sondern dieses als studierte Historikerin mit Leidenschaft und tiefem Interesse führt.

Auch Schriften aus dem 16. Jahrhundert kann man im Archiv finden
Damit ist es nicht nur irgendein Aufbewahrungsort, sondern ebenso eine Bühne für Erinnerung, Bildung und Verständigung. "Die Arbeit als Archivarin ist sehr vielfältig, wir kommen mit so vielen Menschen in Kontakt, können so viele Schicksale aufdecken, mit wichtigen Dokumenten helfen, das gefällt mir."
Pflicht und Leidenschaft
Darüber hinaus versteht Christine Kohl-Langer ihre Arbeit auch als kulturelle und gesellschaftliche Verantwortung. So sind die Forschungen des Archivs über das Schicksal jüdischer Landauer in der Zeit des Nationalsozialismus die Datengrundlage für die Verlegung der Stolpersteine durch den Künstler Gunter Demnig. Inzwischen erinnern alleine in Landau fast 350 Steine an jüdische Schicksale.
Und das im selben Gebäude untergebrachte "Museum für Stadtgeschichte" gehört nicht zu den Pflichtaufgaben, sondern ist die "Kür", um den Menschen die Historie der Stadt näherzubringen.
Ein Ort für alle Fragen
Das Stadtarchiv ist keine geschlossene Behörde – im Gegenteil. Es ist genauso Informationsquelle für die Bürger und steht ihnen für Auskunftszwecke zur Verfügung. Rund 2.400 Anfragen erreichen das Archiv pro Jahr – per Telefon, E-Mail oder persönlich. Bürger wollen etwas über ihr altes Haus erfahren, andere benötigen Einblick ins Melderegister, Geburts- oder Heiratsurkunden, um Erbschaften zu regeln oder Zeugnisse nicht mehr existierender Schulformen, wie die Hauptschule West, um Bewerbungsunterlagen zu komplettieren. Aktuell suchen auch US-Bürger Dokumente, um eine zweite Staatsbürgerschaft zu beantragen. „Das ist oft richtige Detektivarbeit“, sagt sie, „und manchmal auch sehr emotional.“Zwischen Geduld und Kommunikationstalent
Die schweren beweglichen Archivregale
Da ist Fingerspitzengefühl gefragt, manchmal auch Humor. Schülergruppen, von ihren Lehrern ins Stadtarchiv "verschleppt", sind anfangs oft gelangweilt – bis sie eine jahrhundertealte Urkunde in der Hand halten. Dann wächst das Staunen. „Viele kommen später wieder, wenn sie im Studium Material brauchen“, berichtet Kohl-Langer.
Die Diskussion um die Straßenumbenennungen
Ins öffentliche Blickfeld geriet das Stadtarchiv bei der Diskussion um die Straßenumbenennung im vergangenen Jahr. Bei der Planung des Wohnparks am Ebenberg Anfang der 2010er Jahre waren die Persönlichkeiten wie Hans-Stempel als Straßennamen zunächst angenommen, gut 10 Jahre später sprach sich das Stadtarchiv in der neu aufgekommenen Diskussion über die Verstrickungen der Namensgeber mit dem Nationalsozialismus für eine Umbenennung der Straßen (und auch der Hindenburgstraße) aus. „Geschichtsforschung ist nichts Statisches, es gibt immer wieder neue Dokumente und Erkenntnisse, und nach nochmaliger Untersuchung und Abwägung haben wir uns dann für die Umbenennung ausgesprochen.“Tut es weh, wenn ein Bürgerentscheid die eigene Empfehlung plus den entsprechenden Beschluss des Stadtrats über den Haufen wirft? „Natürlich enttäuscht so etwas“, sagt Christine Kohl-Langer, „aber das ist halt der demokratische Lauf der Dinge, das muss man akzeptieren.“
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Blick in die Zukunft
2018 wurde das Museum für Stadtgeschichte neu konzipiert, der Umzug mit den riesigen Mengen an Archivmaterial in das heutige Gebäude dauerte zwei Jahre. Der Mietvertrag für die Räumlichkeiten läuft bis 2034, die Zukunft ist noch offen. Für Frau Kohl-Langer ist klar: Archive sind kein „nice to have“, sondern eine unverzichtbare Institution mit Bildungsauftrag, die die Geschichte und damit die Identität der Stadt und deren Wandel dokumentieren.Ihr Wunsch ist, dass die Politik dies versteht und anerkennt und das Archiv zukunftsfähig macht. Denn: "Archive erzählen, woher wir kommen – und helfen zu verstehen, wohin wir gehen."
Wie komplex das Thema nach historischen Persönlichkeiten benannter Straßen ist, kann man z.B. in dem Dokument Überprüfung der Straßennamen in Landau und den Stadtdörfern vom März 2022 nachlesen
Es gibt einen Freundeskreis des Archivs und Museums der Stadt Landau e.V.
Dieser Beitrag wurde geschrieben von: Redaktion
Fotos © Stadt Landau. Stadtarchiv
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