Wenn Anuraj Sri Rajarajendran von seinem Leben erzählen müsste, würde er es wohl in einen Slam-Text gießen. Mit Rhythmus, Tiefgang, einem roten Faden – und einer klaren Botschaft: Man kann viel erreichen, auch wenn man nicht die besten Voraussetzungen hat.
Vom Rap zum ersten Slam – ein Zufall verändert alles
Seine Geschichte beginnt in einer Familie, die kämpfen musste. Geld war oft ein Thema, denn seine Familie gehörte nicht zur Mittelschicht. Trotzdem hatte er viele Freunde: „Ich hatte nie Probleme wegen meiner Hautfarbe – vielleicht hat geholfen, dass ich so groß bin“, sagt er mit einem Lächeln, das viel über seine Haltung verrät: selbstreflektiert, offen, und immer mit einem Schuss Humor.Sein Weg auf die Bühne begann nicht mit einem Plan, sondern mit einem Zufall. Eine Freundin eines Freundes hörte ihn rappen – aus Spaß – und meldete ihn ohne Vorwarnung beim Slam in Speyer an. Er gewann. Bei der ersten Landesmeisterschaft wurde er 4. Und zweieinhalb Jahre nach seinem ersten Slam errang er mit seinem Text "Papa, warum weinst du nicht" den Titel "Deutscher Meister im Poetry Slam 2024". Mehr darüber im
Sprache als Werkzeug – und Kunstform

Wenn er schreibt, dann allein. Texte entstehen beim Spazieren, beim Musikhören, durch Beobachtungen im Alltag. Nie auf Zwang. Es dauert eine Weile, das erste Gerüst eines Textes zu bauen. „Viel mehr habe ich weggeschmissen als behalten“, lacht er.
Aber wenn die Idee zündet, dann überlegt er sofort: Reicht das für sechs Minuten? Denn das ist das Format im Slam – kurz, prägnant, mit Message.
Poetry Slam an der Uni Landau und Diplomarbeit
Anuraj studiert Lehramt an der Universität Landau. Dort hat er im Juni 2025 mit großem Einsatz die Rheinland-Pfalz-Meisterschaft im Poetry Slam mitorganisiert – ein Mammutprojekt, das Teil seiner Diplomarbeit war. So verbindet er seine Leidenschaft mit akademischem Engagement und stärkt die Slam-Szene in der Region.Bühne mit Gefühl – und Mut
Einen seiner bewegendsten Auftritte erlebte er in Heilbronn. Ein nachdenklicher Text über seinen Vater. „Mitten im Vortrag hörte ich ein Geräusch. Irritiert dachte ich, dass da jemand lacht. Aber dann merkte ich: Es war eine Frau, die erschüttert weinte – immer lauter. Ich wusste nicht, soll ich aufhören oder weitermachen?" Er machte weiter. Der ganze Saal war still. Und am Ende seiner Performance gab es Standing Ovations. "Das war ein Moment, der mir zeigte, welche Gefühle meine Texte auslösen können."Ehrgeiz, Erfolg – und der Wunsch, gut zu sein
Trotz aller Erfolge bleibt der Alltag nicht ohne Stolpersteine. Die Wohnungssuche mit seinem Namen ist ein Beispiel. Viele Bewerbungen – keine Antworten. Seine Freundin, mit deutschem Namen, bekommt drei Besichtigungstermine pro Woche. Es ist diese stille Form von Ausgrenzung, die oft unter der Oberfläche bleibt – aber in Anurajs Texten ihren Platz findet.Er hat seinen Weg selbst gefunden. Nicht durch elterliche Anleitung, sondern durch eigene Neugier. Sein älterer Bruder hörte Rap mit Kopfhörern, die Eltern wussten nichts von den Texten – aber etwas davon ist hängen geblieben.
Poetry Slam als Gemeinschaft – nicht als Wettbewerb
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Slam sei keine Konkurrenzveranstaltung, erzählt er. Auch bei Meisterschaften gehe es mehr um Gemeinschaft – „wie ein Klassentreffen“. Es wird nicht ausgebuht. Alle werden respektvoll behandelt. „Respect the poet“, das ist die Haltung. Denn es erfordert viel Mut, auf die Bühne zu treten und sich selbst in Worte zu fassen.
Tipps für Anfänger – und ein klares Plädoyer für Authentizität
Wer anfangen will, sollte sich auf offenen Bühnen ausprobieren – auch wenn es davon nicht viele gibt. Und bitte nicht einfach kopieren, was auf YouTube gut funktioniert. „Eigene Ideen, eigene Stimme – das ist das Wichtigste.“ Und: Man schreibt für ein Publikum. Also Spannung aufbauen, einen roten Faden entwickeln, auf den Punkt kommen.Die Familie ist dabei nicht immer der beste erste Test – „die sind oft zu nett.“ Besser: Sich selbst aufnehmen, an der Performance arbeiten. Und dann auf die Bühne – mit offenem Herzen.
Ein Text als Lebensüberschrift
Wenn sein Leben ein Slam-Text wäre, trüge er wohl den Titel: „Mein sozialer Aufstieg" Und das trifft es gut. Denn was Anuraj auf die Bühne bringt, ist nicht nur sprachliches Können, sondern gelebte Erfahrung. Und genau deshalb berühren seine Texte so.Dieser Beitrag wurde geschrieben von: Redaktion
Fotos © Jonas Samson Völk
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