Loading...

.

.
 alle Geschichten Nußdorf - das Stadtdorf mit eigenem Kopf

Nußdorf - das Stadtdorf mit eigenem Kopf

Gespräch mit Ortsvorsteher Thorsten Sögding

Nußdorf ist gesellig, feiert gern, hat ein reges Vereinsleben, ist traditionsbewusst und gleichzeitig offen für Neues. Wenn Nußdorf ein Mensch wäre, dann vermutlich einer, der gerne mit anderen zusammensitzt, diskutiert, sich einmischt und ziemlich genau weiß, was er will.

So schildert Thorsten Sögding "sein" Nußdorf. Er ist einer, der genau zu diesem Dorf passt. Dabei wollte der heutige Ortsvorsteher ursprünglich gar nicht in die Politik. Er war mit Leib und Seele Erster Vorsitzender des Turnvereins und spielte etwas Handball. Aber für ihn stand fest: Sport und Politik – das muss man auseinanderhalten.

Nur zehn Tage vor Ende der Nominierungsfrist im Jahr 2014 war noch immer kein Kandidat für das Amt des Ortsvorstehers gefunden. Sögding gab schließlich schweren Herzens den Vereinsvorsitz im Turnverein auf und ließ sich als Ortsvorsteherkandidat aufstellen. Denn für ihn stand fest: „Nußdorf soll seine Eigenständigkeit bewahren und möglichst viel selbst gestalten können.“

Nußdorf am Rande des Pfälzer Waldes - Bild Sebastian Heupel

Doch schon bei seiner Vereidigung merkte Sögding, dass in der Politik ein anderer Wind weht. Noch am selben Abend bekam er erste Querschüsse – eine Erfahrung, die er aus dem Sport so nicht kannte. Dort sei man trotz unterschiedlicher Meinungen anders miteinander umgegangen. Bereut hat er seine Entscheidung trotzdem nie, und bei den Wahlen 2019 und 2024 wurde er mit über 2/3 der Stimmen in seinem Amt bestätigt.

Eine wichtige Rolle bei dieser Entscheidung spielte seine Frau Christine, die das Amt aus der eigenen Familie kennt: Ihr Vater Rudi Eichhorn war zuvor 15 Jahre lang Ortsvorsteher gewesen. Sie wusste also genau, was auf sie beide zukommen würde. Bis heute stärkt sie ihrem Mann den Rücken und packt selbst mit an. Reden entstehen gemeinsam, ebenso der Gemeindebrief „Nußdorf aktuell“. Und wann immer bei einem Fest helfende Hände gebraucht werden, steht Christine genauso selbstverständlich mit hinter der Theke.

Gut aufgestellt für alle Generationen

Bauernkrieger-Denkmal zur Erinnerung an den Beginn des pfälzischen Bauernkriegs in Nußdorf im Jahr 1525

Gestalten heißt für Sögding vor allem, dafür zu sorgen, dass Nußdorf lebenswert bleibt. „Infrastruktur ist für mich sehr wichtig“, sagt er. Und dabei denkt er weit über Straßen und Baugebiete hinaus: Kindergarten und Schule gehören für ihn ebenso dazu wie Sportmöglichkeiten, Vereine, Treffpunkte und Angebote für ältere Menschen. "Im Ortsbeirat überlegen wir nicht, was für eine Partei wichtig ist, sondern was unser Dorf braucht."

Es gibt eine Vielfalt der Vereine, von Sport bis Kultur, Mit engagierten Mitgliedern, die zupacken und an die 50 Feste im Jahr auf die Beine stellen. Auch die Landjugend ist wieder erstarkt. Um ihre Vereinskasse aufzubessern, organisierten sie eine Schulkellerparty, machten Musik für alle Generationen und luden alle ein. Denn: „Ältere können sich auch mal einen Cocktail für 10 Euro leisten.“ Die Idee hat sich bewährt. Inzwischen findet die Party zweimal im Jahr statt – und 20-Jährige haben dort genau so viel Spaß wie 70-jährige.

Zwei Vereine sorgten dafür, dass der Dorfladen eröffnet werden konnte. "Das ist nicht nur eine Einkaufsmöglichkeit, sondern ein lebendiger Treffpunkt, wichtig für Austausch und die Gemeinschaft."

Dass Gemeinschaft in Nußdorf nicht nur ein schönes Wort ist, zeigt sich auch bei den rund 20 Winzern des Ortes. Natürlich bedienen sie denselben Markt und stehen damit im Mitbewerb. Aber trotzdem ist gegenseitige Hilfe Ehrensache, wenn einer mal krank ist oder andere Probleme hat, leiht Werkzeug bei Bedarf, stimmt sich über WhatsApp ab.

Weitsichtig planen

Feiern gehört in Nußdorf immer dazu - hier auf dem Weinerlebnispfad

Zur Infrastruktur gehört für Sögding auch die Frage, wie sich die Bedürfnisse im Dorf in den kommenden Jahren verändern werden. Dabei hat er auch den Wandel im Weinbau im Blick. Der Weinkonsum geht zurück, Rebflächen könnten künftig nicht mehr bewirtschaftet werden. Auf einem Teil dieser Flächen könnten Blühwiesen entstehen, andere bieten Raum für neue Nutzungen.

Ein Beispiel ist das geplante Neubaugebiet mit rund 10.000 Quadratmetern. Etwa 2.000 Quadratmeter davon sind für Wohnen im Alter vorgesehen.

Damit will Nußdorf gleich mehrere Herausforderungen angehen:

Gerade in Winzerfamilien leben im Alter häufig nur noch ein oder zwei Menschen in großen Anwesen mit Wohnhaus, Hof, Scheune und Nebengebäuden. Was über Jahrzehnte Lebensmittelpunkt war, kann dann zunehmend zur Belastung werden. Seniorengerechte Wohnungen im eigenen Ort könnten ihnen ermöglichen, weiterhin selbstbestimmt zu leben, ohne ihre vertraute Umgebung aufgeben zu müssen. „Sie wollen ja weiterhin in ihren Gesangverein gehen und am Dorfleben teilnehmen“, sagt Sögding.

Das würde auch die nächste Generation entlasten, sie wüsste ihre Eltern gut versorgt und müsste sich weniger darum sorgen, wie diese das große Anwesen im Alter bewältigen können.

Und zugleich könnten die frei werdenden Häuser und Höfe neuen Wohnraum für junge Familien bieten und Leerstand im Ortskern entgegenwirken.

So denkt Nußdorf beim Thema Wohnen mehrere Generationen zusammen.

Bildergalerie: Impressionen aus Nußdorf
Von Natur bis Kerwe - gemischte Eindrücke aus Nußdorf. Vielen Dank an Sebastian Heupel für die von ihm zur Verfügung gestellten Fotografien

Mitten im Rebenmeer

Dass die Menschen gerne in Nußdorf leben, hat für Sögding auch mit dem besonderen Lebensgefühl zu tun. Eingebettet in ein Rebenmeer zeigt sich die Landschaft zu jeder Jahreszeit anders – vom ersten Grün bis zur Farbenpracht im Herbst. „Nußdorf ist ein Wohlfühlort“, sagt der Ortsvorsteher.

Dazu gehört für ihn auch die Vertrautheit im Dorf. Kinder können hier noch alleine zur Schule gehen oder zum Spielplatz und ohne Handy unterwegs sein: "Sie haben die Kirchturmuhr im Blick und wissen, wann es Zeit ist nach Hause zu gehen. Man kennt sich, sie wissen, wo sie klingeln können, wenn einmal etwas ist."

Auch Gäste schätzen das Dorf mitten im Rebenmeer. Es gibt Ferienwohnungen und einige Campingmöglichkeiten. Viele Winzer und zwei schicke Vinotheken laden zum Verkosten ein. Am bekannten Weinerlebnispfad werden seit 2007 an der Pergola im Sommer sonntags Nußdorfer Weine ausgeschenkt – für Gäste und für Einheimische.

Bauernkriegshaus

Das überregional bekannte Bauernkriegshaus erinnert an den Pfälzischen Bauernkrieg, der am 23. April 1525 mit der Formierung des „Nußdorfer Haufens“ genau hier seinen Ausgang nahm. Das Haus gilt damit als wichtige Stätte der frühen europäischen Demokratie- und Menschenrechtsgeschicht.

Heute beherbergt das Anwesen ein Bauernkriegsmuseum mit historischen Sammlungen und der Pfarrer-Lehmann-Stube, ehrenamtlich betrieben vom Historischen Arbeitskreis "Bauernkriegshaus Nußdorf e.V"

Und die zahlreichen Feste bieten Gelegenheit, zusammenzukommen. Gemeinschaft und Geselligkeit gehören in Nußdorf einfach dazu.

Einen Wermutstropfen gibt es für Sögding allerdings: Eine Gastronomie fehlt im Ort. Das bedauert er sehr, doch bislang fehlt vor allem das nötige Personal.

Tradition bewahren, Zukunft gestalten

Entspannt im Weinberg: Ortsvorsteher Thorsten Sögding

Wie Nußdorf künftig wahrgenommen werden soll, beschäftigt den Ort ebenfalls. Eine „Marke Nußdorf“ soll entstehen, die Wein, Tradition und Lebensgefühl miteinander verbindet. Dabei geht es auch um die Frage, was bewahrt werden soll und wo Neues entstehen darf.

Dass die Nußdorfer gerne mitreden, hat Tradition. „Revoluzzerdorf“ nennt Sögding seinen Ort mit Blick auf dessen Rolle im Bauernkrieg. Ein bisschen von diesem selbstbewussten Geist ist bis heute zu spüren: Man diskutiert, hat klare Vorstellungen und gestaltet lieber mit, als andere entscheiden zu lassen.

Und wenn Sögding für Nußdorf einen Wunsch frei hätte – ohne an Geld oder Machbarkeit denken zu müssen? „Eine neue Turnhalle.“ Da muss er nicht überlegen. "Unser Turnverein bietet Sport und Bewegung vom Kindes- bis ins Seniorenalter. Aber gute Hallenzeiten sind knapp."

Damit führt sein größter Wunsch dorthin zurück, wo für ihn alles begann. Sport und Politik, dachte Sögding damals, passten nicht zusammen. Heute verbindet beides für ihn vielleicht doch mehr, als er damals glaubte: Menschen zusammenbringen, sich einbringen und gemeinsam etwas bewegen.

Ganz so, wie es zu einem Dorf mit eigenem Kopf passt.


Größere Karte anzeigen (neues Fenster)

Mehr zum Thema

Die zentrale Website vor allem für die Nußdorfer selbst ist https://www.landau-nussdorf.de

Nußdorf ist auch auf Facebook vertreten

Das Bauernkriegshaus hat seine eigene Website und ist auch auf Instagram präsent

Nicht nur Einkaufsmöglichkeit, sondern auch Treffpunkt: der Dorfladen

Eine Liste der Nußdorfer Kulturdenkmäler findet sich bei Wikipedia


Hier die Links zu den anderen Artikeln über unsere Stadtdörfer:

Wollmesheim. Mörlheim, Mörzheim, Dammheim

Dieser Beitrag wurde geschrieben von: Redaktion

Fotos © Redaktion, Sebastian Heupel