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Feuerwehr: Wenn Sekunden entscheiden

Dirk Hargesheimer erzählt von einem Leben im Dienst für andere

"Komm einfach mal am Mittwoch vorbei." Diesen Satz hörte der 16-jährige Dirk Hargesheimer von Freunden. Sie schwärmten von der Feuerwehr – von der Gemeinschaft, den gemeinsamen Übungen und davon, wie offen dort jeder aufgenommen wird. Er ging mit. Dass daraus einmal mehr als vier Jahrzehnte Mitgliedschaft und er zwanzig Jahre davon an der Spitze der Landauer Feuerwehr stehen würde, konnte er damals nicht ahnen.

Was ihn damals begeisterte, ist bis heute geblieben: das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, auf die man sich jederzeit verlassen kann. „Feuerwehrfamilie“ nennt er das, Kameradschaft. Hier entstanden Freundschaften fürs Leben. Hier erlebte er unzählige Momente, die ihn geprägt haben – fröhliche Feste ebenso wie Einsätze, bei denen jede Sekunde zählt.

Logo der Feuerwehr Landau

2004 wählten ihn die rund 200 Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr zum Stadtfeuerwehrinspekteur. Mit den Jahren wurden die Aufgaben im Brand- und Katastrophenschutz immer umfangreicher. „Das war ehrenamtlich nicht mehr zu stemmen“, sagt Dirk Hargesheimer. „Wir haben dafür gekämpft, dass daraus eine hauptamtliche Stelle wird.“ Mit Erfolg: Aus dem früheren Ehrenamt wurde eine hauptamtliche Aufgabe.

Seit seinem Ausscheiden als Brand- und Katastrophenschutzinspekteur im Mai 2024 arbeitet Dirk Hargesheimer im Ordnungsamt der Stadt Landau. Der Feuerwehr aber ist er bis heute treu geblieben und nimmt weiterhin regelmäßig an den Übungsabenden teil.

Wenn Sekunden entscheiden

Als Stadtfeuerwehrinspektor (seit Dezember 2020 Brand- und Katastrophenschutzinspekteur) trug Dirk Hargesheimer eine enorme Verantwortung. „Man muss innerhalb weniger Sekunden eine Lage einschätzen, Entscheidungen treffen und Befehle geben. Für Diskussionen bleibt da keine Zeit. Ohne Vertrauen funktioniert Feuerwehr nicht. Wenn ich 'Alle raus!' sage, dann weiß jeder: Dafür gibt es einen Grund.“

Brand bei der Holzhandlung Wickert 2016

Wenn ein Notruf eingeht, muss die Feuerwehr innerhalb von acht Minuten wirksame Hilfe leisten. Was die Einsatzkräfte vor Ort tatsächlich erwartet, wissen sie zu diesem Zeitpunkt oft noch nicht.

Der Großbrand bei der Firma Wickert im August 2016 ist Dirk Hargesheimer bis heute in Erinnerung geblieben. Gemeldet war zunächst lediglich ein Feuer. Vor Ort entwickelte sich die Situation jedoch innerhalb kürzester Zeit zu einer lebensgefährlichen Lage. Als Dirk Hargesheimer auf einen Blick erkannte, wie rasant sich das Feuer unter der Hallendecke ausbreitete, griff er zum Funkgerät und gab nur einen einzigen Befehl: „Alle raus!“

Der Befehl wurde sofort umgesetzt. Sekunden später kam es zu einer Durchzündung (das plötzliche Durchzünden und Abbrennen von Pyrolysegas, das durch den bestehenden Brand entsteht). Niemand wurde verletzt.

Feuerwehr - weit mehr als Brandbekämpfung

Klar – die Feuerwehr kommt, "wenn's brennt", das weiß jeder. Es steckt jemand im Fahrstuhl fest? Die Feuerwehr kommt. Es gab einen tragischen Verkehrsunfall mit eingeklemmten Personen? Die Feuerwehr ist da. Ein LKW verliert Diesel? Die Feuerwehr ist zur Stelle. Eine Überflutung durch einen Wasserrohbruch? Ja, auch hier rücken die Männer und Frauen der Feuerwehr an.

Brand beim Autohaus Horn im Juli 2023

Und auch der Katastrophenschutz gehört dazu. Nicht nur bei so dramatischen Ereignissen wie Ramstein oder der Ahrtal-Flut rücken die Feuerwehren an, ebenso bei größeren Stromausfällen, Starkregen usw. Und nicht nur dann, wenn "das Kind schon im Brunnen ist", sondern Vorbereitung, Bekämpfung und Nachsorge gehören ebenso dazu. Eine enge Koordination mit anderen Einrichtungen wie Polizei, Technischem Hilfswerk (THW), Deutschem Roten Kreuz, Johanniter, Malteser oder DLRG oder sogar der Bundeswehr ist bei großen Ereignissen immer gefragt.

Mehr als Einsätze

Warum Dirk Hargesheimer der Feuerwehr über all die Jahre treu geblieben ist? Seine Antwort kommt ohne langes Nachdenken.

„Anderen Menschen zu helfen – das ist für mich eine Genugtuung.“

Dabei sind es nicht immer die spektakulären Einsätze, die ihm in Erinnerung bleiben. Manchmal sind es auch kleine Begebenheiten am Rande. Nach einer Rettungsaktion entdeckten die Feuerwehrleute in einem Fenster im Nachbarhaus ein großes Schild: „Danke Feuerwehr.“ Solche Momente bedeuten ihm viel. Sie zeigen, dass Hilfe ankommt und nicht als selbstverständlich angesehen wird.

Feuerwehr im Wandel

„In über 40 Jahren hat sich unheimlich viel verändert“, sagt Dirk Hargesheimer.

Verändert hat sich die Zusammenarbeit innerhalb der Landauer Feuerwehr. „Früher hat jedes Stadtdorf mehr für sich gearbeitet. Heute bündeln wir unsere Kräfte und unterstützen uns gegenseitig.“ Gemeinsam mit Rudi Götz baute Dirk Hargesheimer Strukturen im Katastrophenschutz und eine interkommunale Zusammenarbeit auf, auf die er bis heute stolz ist.

Auch technisch hat sich vieles verändert. Wer früher im Wald vermisst wurde, war oft nur schwer zu finden. Heute helfen moderne Ortungssysteme dabei, Menschen deutlich schneller zu lokalisieren. „Aber das Wichtigste bleibt: Im Notfall die 112 anrufen.“

Auch mit belastenden Einsätzen geht man heute ganz anders um als in der Vergangenheit. „Früher haben wir uns nach einem schweren Einsatz im sogenannten Asbachschuppen – einem Aufenthaltsraum im Feuerwehrgebäude – zusammengesetzt“, erinnert sich Dirk Hargesheimer. „Heute gibt es darüber hinaus die Psychosoziale Notfallversorgung. Das ist wichtig. Man muss sofort darüber reden. Man darf das Erlebte nicht mit nach Hause nehmen.“

Die Facheinheit für "Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) und Krisenintervention" hat Hargesheimer zusammen mit Rudi Götz, dem damaligen Kreisfeuerwehrinspekteur des Landkreises Südliche Weinstraße, gefördert und ausgebaut.

Gerade nach Einsätzen mit schwer verletzten oder getöteten Menschen sei das gemeinsame Gespräch unverzichtbar. Denn manche Erlebnisse begleiten einen ein Leben lang. Dirk Hargesheimer denkt an schwere Verkehrsunfälle, an die Flutkatastrophe im Ahrtal, an die Suche nach Vermissten und Toten und an Autos, die um Bäume gewickelt waren.

„Die Bilder im Kopf wird man nicht los", sagt er. "Man muss lernen, damit zu leben, ohne daran zu zerbrechen.“ Dank der psychischen Notfallversorgung funktioniert das.

Die Zukunft beginnt mit den Kleinsten

Faszination Feuerwehr

Wer Menschen für die Feuerwehr begeistern möchte, muss früh anfangen. Davon ist Dirk Hargesheimer überzeugt. Während seiner Zeit als Chef der Landauer Feuerwehr wurde deshalb auch die Bambini-Feuerwehr für Kinder schon ab sechs Jahren aufgebaut.

„Die sind unglaublich stolz, wenn sie ihr Feuerwehr-T-Shirt tragen“, erzählt er lächelnd. Für die Kinder ist es ein sichtbares Zeichen: Sie gehören dazu. Spielerisch lernen sie die Feuerwehr kennen, dürfen auch einmal einen Schlauch aufrollen und bekommen einen ersten Eindruck davon, was es heißt, für andere da zu sein.

Für die 10 - 16jährigen gibt es die Jugendfeuerwehr. Auch für diese Altersgruppe sei die Feuerwehr eine wichtige Erfahrung. Sie lernen dort soziale Kompetenz, übernehmen Verantwortung, haben eine sinnvolle Aufgabe und erleben, dass sie anderen Menschen helfen können. „Da schaut man nicht nur aufs Handy“, sagt Dirk Hargesheimer.

Und klagt man bei der Feuerwehr über fehlenden Nachwuchs, wie viele andere ehrenamtliche Einrichtungen? Nein, nicht wirklich. Viele finden über Freunde oder Bekannte zur Feuerwehr. Einer erzählt dem anderen davon oder bringt ihn einfach einmal zu einem Übungsabend mit. Fast genauso, wie es bei dem heutigen Ehren-Brand- und Katastrophenschutzinspekteur Dirk Hargesheimer selbst vor mehr als vier Jahrzehnten begann:

„Komm einfach mal am Mittwoch vorbei.“

Mehr zum Thema

Die Freiwillige Feuerwehr Landau hat eine Website und ist auch auf Facebook und Instagram vertreten

Bericht der Rheinpfalz über die Verabschiedung von Dirk Hargesheimer als Landaus Feuerwehrchef im Mai 2024

Zum selben Thema der Bericht auf der Website der Stadt

Die Familie Hargersheimer betreibt eine private Sicherheitsfirma

Dieser Beitrag wurde geschrieben von: Redaktion

Fotos © privat, Redaktion