Eine LandauErzählt-Geschichte von Gästeführer Manfred UllemeyerAn der Ecke Waffenstraße - Burghofgasse steht der Galeerenturm. Viele Landauer und Touristen sind schon daran vorbeigegangen, manche haben ihn aus der Ferne bewundert – doch was steckt eigentlich in und hinter diesen dicken Mauern?
Der Turm, der dem Feuer standhielt
Der Galeerenturm ist der letzte Stadtmauerturm der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Er ist eines der wenigen Bauwerke, das die Franzosen nach dem großen Stadtbrand 1689 stehen ließen, als sie das mittelalterliche Landau niederbrannten, um die Stadt in eine barocke Festungsstadt „umzubauen“. Diesen Turm ließen sie unversehrt, weil sie ihn als Militärgefängnis brauchten.Auf Spurensuche im Galeerenturm
Simplicius van Blyrjim, mit "Vulgärnamen" Stefan Bauer
Gleich zu Beginn lernen wir, dass diese Niederländter sich eine eigene, fantastische Welt geschaffen haben, in der eigene Regeln gelten. Sie sprechen eine eigene Sprache, die an das Mittelhochdeutsche angelehnt ist. Und jeder Niederländter erhält bei seiner Aufnahme in die Gemeinschaft einen neuen Niederländter-Namen, um sowohl Berufsbezeichnungen als auch Titel oder Rangunterschiede unter den Mitgliedern, den sogenannten „Mynheeren“, zu eliminieren.
Das Militärgefängnis der Garnison
Wie alles anfing
Im Jahr 1870 gründete der bayrische Kavallerie-Oberleutnant Ludwig von Nagel in Bayreuth die Sozietät der Niederländter. Er war ein begnadeter Pferdemaler, den allerdings sein Hauptberuf beim bayrischen Militär nicht voll ausfüllte. So schloss er sich mit anderen künstlerisch interessierten Männern zusammen, um in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten zeitweilig der realen Welt zu entfliehen, in eine eigene Welt der Kunst, wo es keine Unterschiede in Rang, Beruf und Religion gab. Heute gibt es noch 20 solcher Vereinigungen, die meisten in Bayern.Die Landauer Sozietät wurde im Jahr 1907 gegründet und tagte anfangs in einem Wachthaus, welches auf dem Wall der ehemaligen Festung stand. Daher der Name Hoogschans für die „Lokälin“ der Landauer Sozietät. Als das Wachthaus abgerissen wurde, zog man um ins heutige Zuhause, dem Galeerenturm.
Vom Gefängnis zum Ort der Gemeinschaft – Kunst als verbindendes Ritual
Beim Rundgang durch die alten Räume spürt man die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart: die dicken Mauern, die Fresken von Adolf Kessler und die lebendige Gemeinschaft, die den Turm mit Kreativität und Freundschaft erfüllt. Die Wände hängen voller Zeichnungen und Lithografien, und überall stößt man auf allerlei kuriose Gegenstände.
Mit Stolz zeigt uns Simplicius van Blyrjim die Original-Chroniken der Gemeinschaft. Über jedes Treffen, die sog. Wacht, begonnen mit dem Jahr 1908, wurde in großen alten Folianten mit gestochener Handschrift und handgemalten Bildern Protokoll geführt. Das gilt bis heute, nur dass die Chroniken heute mit Computerschrift und ausgedruckten Fotos erstellt werden – kein Vergleich zu den kunstvollen Aufzeichnungen von vor über 100 Jahren.
Von der großen und der kleynen Weltumsegelung
Alljährlich machen sich alle Niederländter-Sozietäten auf zur großen Weltumsegelung. Man trifft sich in Pappenheim (man ist fast geneigt zu sagen: wo denn sonst?). Wenn die Landauer Sozietät zur alljährlichen „Kleynen Weltumsegelung“ aufbricht, dann muss ein Ausflug nach Ilbesheim und zur Madenburg genügen. Und bei diesen Weltumsegelungen sind natürlich auch Frauen und Gäste willkommen.Beeindruckend: die alten, handgeschriebenen Chroniken der Sozietät
Zwölf Plätze – vielleicht ist einer noch frei?
Die Gruppe ist auf 12 Mynheeren beschränkt, denn genau so viele passen an den großen Tisch oben im Turm, an dem man sich jeden zweiten Freitag trifft. Und wer weiß – vielleicht ist ja gerade jetzt ein Platz frei für jemanden, der mutig genug ist, einmal vorbeizuschauen und zu spüren, ob er sich in dieser besonderen Gemeinschaft zu Hause fühlen könnte? Wer Lust hat, ist herzlich eingeladen, sich zu melden.Und für alle anderen gilt: Wer den Galeerenturm das nächste Mal passiert, sollte kurz innehalten: Hinter den steinernen Wänden steckt nicht nur Geschichte – hier stecken Menschlichkeit, Kunst und Zusammenhalt. Aber genauso Freude, Ironie und die wunderbare Fähigkeit, sich selbst nicht so ganz ernst zu nehmen.
https://kulturnacht-landau.de/galeerenturm/
https://www.rheinpfalz.de/lokal/landau_artikel,-es-lebe-unsere-freundschaft-_arid,608184.html
Mehr über die Gesellschaft der Niederländter, kurz Niederlandt bei Wikipedia
Dieser Beitrag wurde geschrieben von: Gästeführer Manfred Ullemeyer
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